Linernotes - Flower In The Desert von Sigi Finkel & Monika Stadler

Auf ihrer Fahrt ans Ende der Welt zählten die Argonauten zur Riege ihrer Helden ein ganz
besonderes Zwillingspaar: Castor, den Rossbändiger und Pollux, den Faustkämpfer,
für die Sage genauso unentbehrlich wie unzertrennlich - und doch so verschieden. Mit
Castor und Pollux startet auch die Reise von Sigi Finkel und Monika Stadler.

Wie die mythischen Seefahrer Griechenlands haben die beiden Musiker im Laufe ihrer
Karriere verschiedenste Abenteuer bestanden: Finkel als weltläufiger Saxophonist zwischen
Jazz, Westafrika, Flamenco und dem Nahen Osten, Stadler mit der Konzertharfe zwischen
symphonischer Klassik, Jazz und der Folktradition von Wales. Nun haben sie zu einem
intensiven Duo-Tanz gefunden: Mit leicht bluesiger Färbung, in beseelter Improvisation,
unzertrennlich und doch so verschieden wie die Heldenzwillinge eben, umwinden sich Harfe
und Saxophon in diesem Eingangsstück.

Und dann lässt die Harfe Castor und Pollux als Sterne am Firmament funkeln, damit sie den
beiden Instrumenten ihre Pfade erleuchten zu ganz besonderen Begegnungen. Da finden
sich die beiden plötzlich unterm Firmament der Wüste wieder, wo sich der Koraspieler
Djakali Kone aus Burkina Faso hinzugesellt. Ein fantasievoller Dialog von Steg- und
Konzertharfe, von ruppig-rauchigem Afro-Flair und runder, brillanter Resonanz malt diese
Szenerie, gekrönt vom obertonreichen Hauch der Nomadenflöte. Es ist tatsächlich, als blühe
da eine Blume inmitten der glühenden Einöde auf.

Kora und Harfe, diese beiden entfernt verwandten Mitglieder einer großen Familie, wiederum
zwei Helden, so unterschiedlich und hier doch so unzertrennlich. Sie finden mehrmals in
reizvollen Konstellationen zusammen: In „Tomorrow“ aus Stadlers Feder, wo sich die beiden
Zupfinstrumente, Saxophon und Stimme eine raffiniert springende Melodie zuspielen. Im
Sahelgroove von Kones Komposition „Djidja“, oder in den freien Girlanden des „Final Song“,
der an die Klangsprache von Abdullah Ibrahim erinnern mag. Auch ein Ausflug auf einen
pakistanischen Markt ist dabei, wenn Sigi Finkel in „Lahore“ mit einer dort erstandenen Flöte
eine Brücke vom folkigen Walzer zu asiatischen Tönen baut.

Im Zentrum von „Flower In The Desert“ allerdings stehen die vielen intimen Zwiesprachen
des Kernduos Saxophon und Harfe. „Meine Musik entspringt aus der Verbundenheit mit der
Natur, den Rhythmen des Lebens, dem Erleben innerer und äußerer Stimmungen und der
Stille“, sagt Monika Stadler. Und das lässt ich in vielen Stücken nachfühlen: In der
getragenen Melancholie von “Goodbye To A Friend“ etwa, oder dem tröstlichen „Life Goes
On“, während der „Fast Ride“ eine aufgekratztere, übermütige Seite des Dialogisierens mit
expressiven Saxläufen vorstellt.

Eine ganz prachtvolle Wüstenblume, die da allen Widrigkeiten zum Trotz gedeiht – und auf
die vielleicht nach einem sengenden Sonnentag das Doppelgestirn Castor und Pollux zart
herniederglüht.

Autor: Stefan Franzen/Freiburg